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PPWR: Gute Idee – aber ein Schwergewicht für kleine Händler

PPWR – das Schwergewicht der neuen EU-Verpackungsverordnung für kleine Händler
Kommentar zur EU-Verpackungsverordnung

Die EU muss mal wieder die Welt retten – und die kleinen Händler zahlen die Rechnung

Umweltschutz, Recycling und weniger unnötige Verpackungen sind wichtige Ziele. Aber bei der PPWR stellt sich zunehmend die Frage, ob Aufwand, Bürokratie und Kosten für kleine Händler noch in einem vernünftigen Verhältnis zum tatsächlichen Umwelteffekt stehen.

Seit Monaten wird uns erklärt, warum wir die neue europäische Verpackungsverordnung PPWR brauchen. Eines der immer wieder gezeigten Bilder: Plastikmüll in Flüssen und Meeren, wachsende Müllberge und verschmutzte Ozeane.

Das Problem existiert. Ohne jede Frage.

Aber vielleicht wäre es an der Zeit, sich einmal anzusehen, wo das eigentliche Problem liegt und mit welchen Maßnahmen man tatsächlich am meisten erreichen könnte.

Die Zahlen sind durchaus interessant

Nach Angaben der OECD entstanden 2019 weltweit rund 353 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle. Auf OECD-Europa entfielen davon rund 19 %. Das ist keineswegs nichts und selbstverständlich muss auch Europa seinen Beitrag leisten. Aber damit entstehen eben rund vier Fünftel des weltweiten Plastikmülls außerhalb von OECD-Europa.

353 Mio. tweltweite Kunststoffabfälle im Jahr 2019 laut OECD.
86 %der weltweiten Makroplastik-Leckagen werden laut OECD mit nicht ordnungsgemäß bewirtschaftetem Abfall in Verbindung gebracht.
42,1 %Recyclingquote für Kunststoffverpackungsabfälle in der EU im Jahr 2023 laut Eurostat.

Und genau hier liegt ein entscheidender Unterschied: Es ist nicht nur wichtig, wie viel Müll produziert wird, sondern vor allem, was anschließend damit passiert.

Die OECD kommt zu dem Ergebnis, dass 86 % der weltweiten Makroplastik-Leckagen in die Umwelt auf nicht ordnungsgemäß bewirtschafteten Müll zurückzuführen sind – also auf Abfall, der nicht vernünftig gesammelt, entsorgt oder behandelt wird.

Unsere Erfahrung aus Bali

Wir verbringen zweimal im Jahr jeweils etwa einen Monat auf Bali. Wer einmal länger dort gelebt hat und nicht nur seine Hotelanlage gesehen hat, kennt leider auch die andere Seite des Paradieses: Müll am Straßenrand, Plastik in Gräben, Abfälle an Flüssen und Müll, der irgendwo abgeladen oder verbrannt wird.

Natürlich gibt es auf Bali und in Indonesien viele engagierte Menschen, Organisationen und Projekte, die genau dagegen kämpfen. Und selbstverständlich wirft dort nicht jeder seinen Müll auf die Straße. Aber das strukturelle Problem ist gewaltig.

Die OECD schätzt für Indonesien einen Anteil von rund 72 % nicht ordnungsgemäß bewirtschaftetem Plastikmüll. Für ASEAN-Staaten nennt sie im regionalen Vergleich ebenfalls sehr hohe Anteile. Die Weltbank bezifferte Indonesiens Plastikabfallaufkommen auf rund 7,8 Millionen Tonnen pro Jahr; etwa 4,9 Millionen Tonnen davon gelten als nicht ordnungsgemäß bewirtschaftet. Rund 346.500 Tonnen Plastik pro Jahr gelangen nach dieser Schätzung aus landbasierten Quellen ins Meer.

Wo bekommt man für eine Milliarde Euro Aufwand den größeren Umwelteffekt – bei der grammgenauen Dokumentation europäischer Verpackungen oder beim Aufbau funktionierender Abfallwirtschaft dort, wo Müll heute teilweise gar nicht erst geregelt gesammelt wird?

Europa soll seinen Teil leisten – aber mit Verhältnismäßigkeit

2023 wurden in der EU rund 48 % der kommunalen Abfälle recycelt. Bei Kunststoffverpackungen lag die Recyclingquote EU-weit bei rund 42,1 %. Auch das ist noch nicht perfekt. Aber es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen einem System, in dem Verpackungen gesammelt, sortiert, recycelt oder anderweitig behandelt und ihre Mengen dokumentiert werden, und Regionen, in denen erhebliche Mengen überhaupt nicht in einem geregelten Abfallsystem ankommen.

Wir stellen den Sinn von Recycling und Verpackungsvermeidung überhaupt nicht infrage. Im Gegenteil: Verpackungsmengen erfassen, Verpackungen lizenzieren, Müll trennen, Verpackungen möglichst mehrfach verwenden und unnötiges Material vermeiden – all das ist sinnvoll.

Aber irgendwann muss auch die Verhältnismäßigkeit einer Regulierung diskutiert werden dürfen. Denn Umweltschutz wird nicht automatisch besser, nur weil die Excel-Tabelle länger wird.

Und genau da wird die PPWR für kleine Händler zum Schwergewicht

Viele kleine Händler kommen inzwischen zu dem Schluss, dass sich der grenzüberschreitende Versand in einzelne EU-Länder bei wenigen Bestellungen wirtschaftlich kaum noch rechnet. Nicht weil sie ihre Kunden dort nicht beliefern möchten, sondern weil Registrierung, Dokumentation, nationale Systeme, Gebühren und weitere Compliance-Pflichten einen erheblichen Fixaufwand verursachen können.

Damit entsteht eine ausgesprochen merkwürdige Situation: Europa besitzt einen gemeinsamen Binnenmarkt – und gleichzeitig können regulatorische Hürden dazu führen, dass kleine Unternehmen diesen Binnenmarkt freiwillig immer weniger nutzen.

  • Kleine Händler ziehen sich aus einzelnen Auslandsmärkten zurück.
  • Verbraucher verlieren Auswahl und Zugang zu spezialisierten Produkten.
  • Große Plattformen und Konzerne können Fixkosten leichter verteilen als kleine Unternehmen.
  • Zeit und Geld fließen in Bürokratie, statt in Kundenservice, Innovation und tatsächliche Nachhaltigkeitsmaßnahmen.

Ein Konzern kann dafür ganze Compliance-Abteilungen beschäftigen. Ein kleiner Händler muss dagegen irgendwann rechnen: Verkaufen wir vielleicht nur 20 oder 30 Pakete pro Jahr in ein Land – lohnt sich dafür dieser gesamte Aufwand überhaupt noch?

Die Antwort wird dann immer häufiger lauten: Nein. Dann liefern wir dort eben nicht mehr hin.

Vielleicht sollte ein Teil des Geldes dort wirken, wo der Hebel größer ist

Wenn Europa das weltweite Plastikproblem wirklich bekämpfen möchte, wäre es aus unserer Sicht sinnvoll, neben den eigenen Regeln sehr viel stärker beim Aufbau funktionierender Abfallwirtschaft in Regionen mit hohen Einträgen in die Umwelt anzusetzen:

  • funktionierende und flächendeckende Müllabfuhr
  • Sortier- und Recyclinganlagen
  • verlässliche Sammelsysteme
  • Alternativen zum offenen Verbrennen von Abfällen
  • Auffangsysteme an Flüssen und anderen Eintragspfaden
  • Umweltbildung und Aufklärung
  • wirtschaftliche Anreize für Sammlung und Recycling

Europa soll und muss seinen Teil zum Umweltschutz beitragen. Aber Europa wird das weltweite Müllproblem nicht dadurch lösen, dass es seine eigenen kleinen Unternehmen mit immer komplexeren Vorschriften überzieht.

Umweltschutz braucht Ziele. Er braucht aber ebenso Verhältnismäßigkeit, ökonomischen Sachverstand und einen Blick darauf, wo Maßnahmen tatsächlich den größten Effekt erzielen.

Vielleicht sollten diejenigen, die solche Regelwerke beschließen, einmal einige Wochen durch Indonesien, die Philippinen oder andere Teile Südostasiens reisen – nicht von Luxushotel zu Luxushotel, sondern durch ganz normale Ortschaften. Danach kann man noch einmal darüber diskutieren, ob eines der dringendsten Probleme für den Pazifik wirklich darin besteht, dass ein kleiner europäischer Händler sein Paketklebeband nicht grammgenau genug dokumentiert hat.

🌍 Umweltschutz: unbedingt.
♻️ Recycling: selbstverständlich.
📦 Weniger unnötige Verpackungen: absolut.

Aber bitte mit gesundem Menschenverstand. Wir brauchen Umweltschutz, der Müll reduziert – und keine Bürokratie, die am Ende vor allem kleine Unternehmen reduziert.

Quellen und weiterführende Daten

Die genannten Zahlen basieren auf Veröffentlichungen von OECD, Weltbank und Eurostat. Die Links sind bewusst direkt angegeben, damit Leser die Daten und Definitionen selbst nachvollziehen können.

OECD – Global Plastics Outlook:
oecd.org – Global Plastics Outlook

OECD – Regional Plastics Outlook for Southeast and East Asia:
oecd.org – Regional Plastics Outlook

World Bank – Plastic Waste Discharges from Rivers and Coastlines in Indonesia:
worldbank.org – Indonesia plastic waste study

Eurostat – kommunale Abfälle und Kunststoffverpackungen:
ec.europa.eu/eurostat

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